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Thema: Die Entwicklung der Ethik bis zur Gegenwart (2. Teil)

ZUSAMMENFASSUNG (Impulsvortrag Brigitte Geretschläger):

Die Wechselwirkung mit der Welt und anderen Menschen haben schon mit der Geburt bzw. der Fähigkeit zu denken eingesetzt. Wenn ein Kind dadurch, dass es eine Wahlmöglichkeit hat, sich erstmals seiner selbst bewusst wird, ist es zugleich das erste Mal mit der Möglichkeit ethischen bzw. moralischen Handelns konfrontiert. Die Gründe für diese erste Entscheidung sind eng an der Befriedigung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse gekoppelt. Später wird das Interesse für andere als eine Entgrenzung der egoistischen Perspektive wahrgenommen. Und vielleicht noch später erscheint das Bewusstsein eines deutlichen moralischen Grundes für die eigenen Handlungen.

Menschliche Gemeinschaften haben seit frühester Zeit moralische Veraltenscodes ausgearbeitet und die meisten der großen Weltreligionen bieten ihren Gläubigen entsprechende ethische Systeme an. Die erste Möglichkeit Ethik zu begreifen ist sie mit einem anerkannten Verhaltenskodex gleichzusetzen wie zb den zehn Geboten, der Bergpredigt oder der islamischen Sunna.

Aber kann Religion eine Basis für die Ethik abgeben? Die heutigen Philosophen beantworten diese Frage mit einem klaren Nein, weil sich Religion selbst auf einem moralischen Urteil gründen muss und zwar das der Güte Gottes, der als letzte Autorität der Ethik gilt. Also kann Religion kein ethisches System begründen, solange sie nichts über die Güte Gottes aussagt und sie kann nichts über die Güte Gottes aussagen, solange sie nicht einen ethischen Begriff der Güte bzw. des Guten hat. Somit ist der Versuch Ethik auf Religion zu gründen ein Zirkelschluss.

Vielmehr ist Ethik als Konstrukt eines Menschenbildes zu betrachten, das nicht einfach vorgefunden werden oder unabhängig vom Menschen existiert, sondern nach Bedarfslage, Zielsetzung und weltanschaulicher Orientierung immer wieder neu entworfen werden muss. Trotz ihres Anspruchs auf universelle Geltung gehen Menschenbilder also immer aus einem bestimmten geschichtlichen Kontext hervor. Der Prozess ihrer Veränderung verweist nicht nur auf den Wandel von menschlichen Selbstverständnissen, sondern spiegelt zudem gesamtgesellschaftliche Veränderungen wider. Jedes Menschenbild geht daher mit einer normativen Erwartung einher.

Sokrates ermahnte erstmals, dass der Mensch wenn er handle, allein darauf achten solle, ob er gerecht oder ungerecht handle und ob seine Taten die eines guten oder eines schlechten Menschen sei. Den Weg in die Philosophie fand Ethik durch Platon aufgrund seiner Enttäuschung über die politische Situation seiner Zeit und über den überall ankündigenden Verfall des Staates. Platon sah, dass das staatliche Dasein von der Wurzel her nicht in Ordnung war. Da half nur noch eine radikale Besinnung auf die Fundamente des Staates, also auf die Kardinaltugenden (Gerechtigkeit und Tugenden des rechten Verhaltens, der Tapferkeit, der Besonnenheit, der Frömmigkeit und der Weisheit). Platon ging davon aus, dass der Mensch von sich aus weiß was Gerechtigkeit sei.

Auch heute gilt: Um eine bestimmte Vorstellung vom idealen Staat zu erfüllen und Gesetze verbindlich für alle Mitglieder der Gesellschaft zu machen, bedarf es zwangsläufig gewisser politischer Instrumente (wie etwa Gesetze und Erziehungsmaßnahmen) und folglich auch der Besetzung von einschlägigen Machtpositionen. Konflikte zwischen konkurrierenden Menschenbildern, von denen jedes für sich seine Gesellschaft gestalten möchte, sind daher unvermeidlich.

Wie bereits im ersten Teil erwähnt strebt der Mensch, nach Meinung Aristoteles nach dem was für ihn gut ist und nach Glückseligkeit. Aber was ist gut für den Menschen? Zum Unterschied vom Tier besitzt der Mensch Geist und Vernunft, also Logos. Daher besteht des Menschens Aufgabe darin die ursprüngliche Güte seines Wesens zu verwirklichen. Sittlich ist nur ein Handeln, dass sich nicht blindlings von den Leidenschaften leiten lässt, sondern in dem der Mensch besonnen und durch Vernunft sein Dasein gestaltet.

In der Antike war der Mensch fremdbestimmt, also heteronom. Im heliozentrischen Weltbild schwirrten eine Vielzahl an Gottheiten um die Sonne, die den Menschen Handlungsanleitungen gaben. Später im monoeistischen Menschenbild war Christus "das Menschenbild schlechthin" und die Verwirklichung der Wesensnatur des Menschen war nur durch Jesus Christus möglich.

In der Aufklärung hingegen wurde das humanistische Menschenbild gelebt. Der Mensch wurde als einzig vollständiges Individuum auserkoren, das unabhängig von jeder Religion handelt. Im Sinne Immanuel Kants bedeutet Autonomie in erster Linie moralische Autonomie. Das Prinzip der Autonomie ist so zu handeln, dass seine Maximen als allgemeines Gesetz begriffen werden sollen. Also handle so, wie du behandelt werden willst.

Im Falle der technischen Innovationen stellte deren Gebrauch eine moralische Herausforderung für die Menschheit dar. Das technokratische Menschenbild, eingeläutet unter anderem durch Henry Ford muss wohl auch danach beurteilt werden, ob ein Wille zur Anerkennung von Zielen und Grenzen der Technologie innerhalb eines moralischen Rahmens besteht. In vielen Fällen Segen war in anderen Fällen das Produkt schlecht, wie im Falle der Folterinnovationen im zweiten Weltkrieg. Es gibt keine moralische Rechtfertigung für deren Entwicklung und Einsatz. Trotz vieler in jeglicher Hinsicht wertvoller Errungenschaften treten doch wenig akzeptable Nebenerscheinungen auf, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung, Ausrottung vieler Tierarten, Klimawandel usw. Wissenschaftler zeichnen das Bild einer Menschheit, die zu abhängig von ihren eigenen Maschinen ist. Im Extremfall besteht das Risiko, dass unsere neuen Entwicklungen uns unwiderruflich überholen. Man spricht dabei von dem gefürchteten Frankenstein Phänomen.

Martin Heidegger sah skeptisch auf den technischen Fortschritt und betonte, dass das Streben nach Profit und der kommerzielle Wettbewerb Triebkräfte des technologischen Fortschritts seien. Nach Heideggers Auffassung werden die Menschen durch die Steigerung von Effizienz, Flexibilität und Kontrolle immer mehr zu Werkzeugen ihrer eigenen Technologie und der Körper des Menschen selbst wird zur Ressource. Menschen werden demnach außerhalb der Natur gesehen und nicht als ein Teil von ihr.

Nüchtern denkende Wirtschaftler und Politiker sehen die Fragen nach dem Fortschritt eher von der praktischen als vom ethischen Standpunkt und beschränken daher ihr Nachdenken auf die Kalkulation des Risikos. Als Ergebnis entstehen Entscheidungen auf der Basis des Kosten-Nutzen-Kalküls. Bloß: die Kosten-Nutzen-Analyse kann eine Frage nicht beantworten: Was ist ein akzeptables Risiko? Siehe Fukushima. Neue Technologien haben den Sterbeprozess verändert. Durch die Anwendung neuer technologischen Eingriffe, können wir erwarten, dass die Lebensspanne noch weiter verlängert wird. Die Annahme, dass es in jedem Fall besser ist, das Leben zu verlängern gehört einer früheren Zeit an. Heute gibt es drängende moralische Fragen wie z.B. wie viel ist ein Leben Wert? Oder ob eine Behandlung fort- oder abgesetzt werden soll.

Unser heutiges materialistisches Menschenbild muss hinterfragen, wie weit Entwicklungen der Technologien, die vor allem das Gebiet des menschlichen Lebens betreffen, Gegenstand ethischer und gesetzliche Bestimmungen werden soll bzw. muss.

Literatur:

Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenbild (last date of visit 01.09.17)
Vgl.: http://www.bpb.de/apuz/166645/menschenbilder-der-moderne?p=all (last date of visit 01.09.17
Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Ethik (last date of visit 01.09.17)
Vgl.: https://lehrerfortbildung-bw.de/u_gewi/ethik/gym/bp2004/fb2/2_analyse/5_kant/kant_text_und_aufgaben.pdf (last date of visit 01.09.17)
Vgl.: Papineau, David (Hrsg.): Philosophie. Die Geschichte der Philosophie und ihre großen Denker. Niederlande 2017.
Vgl.: Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken. München 2001.
Vgl.: Zimmermann, Daniela (Hrsg.): Das philosophische Lesebuch. Die einflussreichsten Denker und ihre bedeutendsten Texte. Köln 2013.
Vgl.: Scheuerl, Hans (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik I. Von Erasmus von Rotterdam bis Herbert Spencer. München 1979.

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